Dolores, ein Heldenleben? oder Jedem sein' Krieg!

Spektakel um Familie und Krieg

Georg Maria Hofmann

Die Geschichte spielt im Jahr 1939. Eine bürgerliche (Groß)-Familie ist dermaßen mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und mit ihrem häuslichen Kleinkrieg beschäftigt, daß sie nicht merkt, daß Gewalt und Krieg - der Holocaust - in die Außenwelt eingebrochen ist. Die unterschwellig faschistoide Familie nimmt nun auch offene faschistische Züge an: Ärmeli, die anfangs unscheinbare Ehefrau des ältesten Sohnes, der zum General avanciert ist, bestimmt in der Familie, wer unter welcher Etikette "eliminiert" werden muß. Der genetisch geschädigte und zwergwüchsige jüngere Sohn, Gabili, entgeht der "Säuberung". Nachdem er die verbliebenen störenden Familienmitglieder ausgeschaltet hat, hofft er, den seit ewigen Zeiten erwarteten Kuß seiner über alles geliebten Schwester Mona Lisa zu bekommen. Ein Bombentreffer vereitelt es.
ausführliche Beschreibung
5 x Dolores – 5 Theaterstücke

Die einzelnen Stücke, zwischen 1966 bis 1994 entstanden, sind voneinander vollkommen unabhängig. Das (Helden?) Leben DOLORES’ ist in verschiedenen fiktiven sozialen Zusammenhängen und in verschiedenen Lebensabschnitten dargestellt.

Dolores kommt im Stück I (GHICCHO UND SEINE KINDER), III (UNTERWEGS), IV (DIE SÜCHTIGEN) und V (DOLORES, EIN HELDENLEBEN) als Nebenfigur vor. Nur im Stück BLASIUS, ODER MAN SOLL DIE NORM ERFÜLLEN bekommt sie als mörderische Hebamme den Gegenpart zu ihrem zurückgebliebenen Sohn Blasius, also 50% des Textes.

In GHICCHO UND SEINE KINDER wird sie in einer italienischen Zirkusfamilie geboren, gleich nach der Geburt fallen gelassen, wird getauft auf den Namen Dolores – nomen est omen – dann als Gehilfin ihrer Mutter abgerichtet, schließlich auf dem Supermarkt geschwängert.

In BLASIUS ist sie Dolores Wunder, die kleinbürgerliche Witwe eines Fast-Ingenieurs, die nun gezwungen ist, arbeiten zu gehen. Die diktatorische Hebamme, die sie geworden ist, ist die Summe ihrer Enttäuschungen. Schadlos hält sie sich für das aus ihrer Sicht vertane Leben, indem sie über Leben und Tod der Neugeborenen nach dem Gesetz der biologischen Norm-Entsprechung entscheidet. Die zu kleinen, zu großen oder sonstwie aus der Reihe hängenden werden von ihr eliminiert: sie kommen in die Pastete als Füllung.

In UNTERWEGS erhält man Einblick in die Phantasiewelt von Dolores: Reisen, reisen, reisen, wie die Reichen. Ihre traumhaften Begegnungen mit den scheinbar glücklichen Paaren, etwa Robin und Marion, die mondänen Kinder von Eltern, die etwas vererben konnten, erwecken in ihr die Einbildung, dass das „Glück“, das ihr nicht zuteil wurde, nun bildhaft an ihr vorbeizieht. Dolores kann ja nicht wissen, dass das morbide Paar, auf der Reise seinem verflogenen Glück nachfahrend, die geerbten Immobilien sukzessive zerbröselt. Dolores kommen auch die unschuldigen Kinder Eduard und Kunigunde mit ihrer etwas infantilen Fröhlichkeit glücklich vor, genauso wie Joshua und Margarethe. Alle, alle sind reich und glücklich und reisen herum in der Welt, meist I. Klasse oder vielmehr Sonderklasse, während Dolores an der Seite ihres wenig eleganten und etwas albernen Mannes, Georgi, III. Klasse zwischen Bäuerinnen und gackerndem Federvieh reisen muss mit einem Bummelzug, der stets stehen bleibt.
Dolores’ außergewöhnlicher Sohn Arthur (Rimbaud?) setzt die Träume seiner Mutter mit 17 Jahren in die Tat um. Er reißt aus, wird bei der ersten Fahrt Richtung Cambridge von Leroi zum Rauschgiftkonsum verleitet. Im Schlussbild begegnet er als Bettler („One Dollar, please“) seiner Mutter Dolores, die ihn nicht erkennt und der Polizei übergeben will.

In DOLORES, EIN HELDENLEBEN ist sie eine junge Frau, die mit ihren Geschwistern um vermeintliche kleine Vorteile kämpft. Statt dem Film-Helden Leslie Howard oder dem Phantom-Geliebten Julius heiratet sie den infantilen, doch tüchtigen Handwerker Georgi, von dem sie zwar ernährt wird, der ihr aber nicht das von ihr erwünschte Ambiente bieten kann.

In der lyrischen Komödie DIE SÜCHTIGEN ist Dolores über 85 Jahre alt, wir sehen sie mit ihrem Gatten Georgi streitend, u.a. darüber, ob ihr längstverstorbenes Kind ein Sohn oder eine Tochter war. Nach dem von ihr mit verursachten Unfalltod ihres Gatten wandelt sie ratlos mit der Urne in der Hand herum. Ende ihres Gatten-Hasses ist der Satz: Er (Georgi) war mein Leben.
11D 10H
Schauspiel
UA: 04.04.1996, Stadttheater Klagenfurt, Regie: Oliver Tambosi